Pseudohermaphroditismus femininus bei kongenitalem adrenogenitalem Syndrom als intraoperativer Zufallsbefund bei einem 68jährigen Patienten

M. Lang1, P. Heilmann1, R. Ziegler1, M. J. Seibel1, H .- P. Sinn2, E. Klar3

1 Medizinische Klinik, Abteilung Innere Medizin | (Endokrinologie und Stoffwechsel),

2 Institut für Pathologie und

3 Chirurgische Klinik der Universität Heidelberg

Anamnese und Befund: Bei dem 68jährigen, kleinwüchsigen und bisher stets gesunden Patienten, Vater einer erwachsenen Toch- ter, wurde die Verdachtsdiagnose eines Kolonkarzinoms mit Me- tastasierung in die rechte Nebenniere gestellt. Intraoperativ fand sich neben einem Kolonkarzinom überraschenderweise ein weibli- ches inneres Genitale mit tumoröser Veränderung der linken Ad- nexe. Zusätzlich wurde ein Nebennierentumor rechts entfernt.

Untersuchungen: Die histologische Aufarbeitung ergab ein Adenokarzinom des Kolons, ein regressiv verändertes Adenom der rechten Nebenniere sowie einen Brennertumor der weibli- chen Adnexe. Postoperativ zeigte die endokrinologische Dia- gnostik pathologische Werte für 17-OH-Progesteron (3192 ng/ dl), 21-Desoxycortisol (1856 ng/dl) und Androstendion (745 ng/ dl), während 17-OH-Pregnenolon, Testosteron und Mineralo- kortikoide im Normbereich lagen. Bei der Chromosomenanalyse fand sich der Karyotyp 46 XX.

Diagnose, Therapie und Verlauf: Unseres Wissens handelt es sich hier um den ersten im deutschen Sprachraum dokumentier- ten Fall eines in der 7. Lebensdekade diagnostizierten Pseudo- hermaphroditismus femininus im Rahmen eines unkomplizier- ten, virilisierenden, kongenitalen adrenogenitalen Syndroms bei 21-Hydroxylasemangel (CYP21-Mangel). Zur Vermeidung einer Kortisonmangelkrise wurde eine Dauersubstitution mit Hydro- cortison eingeleitet, worunter sich der Patient rasch erholte.

Folgerung: Bei beidseitigen Nebennierentumoren sollte vor einer operativen Therapie ein adrenogenitales Syndrom durch einen er- fahrenen Endokrinologen ausgeschlossen werden. Da es sich hier- bei in aller Regel um benigne Nebennierentumoren handelt, ist eine konservative Therapie anzustreben. Zudem verdeutlicht die- ser Fall die Notwendigkeit einer umfassenden körperlichen Unter- suchung, die hier frühzeitig wegweisende Befunde geliefert hätte.

Female pseudohermaphroditsm in congenital adrenogenital syndrome due to 21-hydroxylase deficiency as an incidental intraoperative finding in a 68-year-old patient

History and clinical findings: A 68-year-old man of small sta- ture, previously always healthy and with a grown-up daughter, was suspected of having carcinoma of the colon with metastasis to the right kidney. At laparotomy internal female genitalia with cancerous changes were unexpectedly discovered in the left ad- nexae. The colon carcinoma, the right adrenocortical tumour and left adnexae were resected.

Investigations: Histological examination revealed adenocarci- noma of the colon, right adrenocortical adenoma and a Brenner tumour of the left female adnexae. Postoperative tests showed increased levels of 17-OH-progesterone (3192 ng/dl), 21-des- oxycortisol (1856 ng/dl) and of adrostenedione (745 ng/dl), whi- le the concentrations of 17-OH pregnenolone, testosterone and mineralocorticoids were within normal limits. Chromosome analysis demonstrated karyotype 46 XX.

Diagnosis, treatment and course: As far as could be ascertai- ned, this is the first documented case in the German-speaking re- gion of female pseudohermaphroditism diagnosed in an elederly person with uncomplicated virilizing congenital adrenogrenital syndrome due to 21-hydroxylase deficiency (deletion of CYP21 gene). To avoid a cortisone deficiency crisis the patient was regu- larly given hydrocortisone and he quickly recovered. But he died 6 months later of sequelae of the carcinoma of the colon.

Conclusion: An adrenogenital syndrome should be excluded in a case of bilateral adrenocortical tumour. As this is usually be- nign, conservative treatment should be attempted. This case de- monstrates the necessity of thorough examination which could have given an early indication of the underlying condition.

Das adrenogenitale Syndrom (AGS) ist eine der häufigsten erblichen Stoffwechselerkrankungen. Aufgrund eines Enzym- defektes in der Nebenniere kommt es zu einer vermehrten Produktion von Androgenen, wobei klinisch vier Typen unter- schieden werden: angeborene Formen mit und ohne Salzver- lustsyndrom, adulte Late-onset Formen und das kryptische AGS. In der folgenden Kasuistik stellen wir den äußerst unge- wöhnlichen Fall eines in der 7. Lebensdekade überraschend diagnostizierten, angeborenen AGS ohne Salzverlust vor.

Kasuistik

Anamnese

Der 68jährige, ansonsten stets gesunde Patient (verheiratet, eine 43jährige gesunde Tochter) wurde aufgrund intermittie- render wäßriger Durchfälle und chronisch-rezidivierender Mittelbauchschmerzen in einer internistischen Praxis vorstel- lig. Der Patient wurde in der Jugend appendektomiert, anson- sten bestanden keine gravierenden Vorerkrankungen. Wegen des Verdachts auf gastrointestinalen Tumor wurde eine sta- tionäre Diagnostik veranlaßt.

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Abb. 1 Angiographischer Befund des Nebennierentumors. Teils zystischer Aspekt. Rechte Niere nach kaudal verlagert.
Abb. 2 Computertomographische Darstellung des Tumors. Multiple schollige Verkalkungen und Dichteinhomogenitäten. Kein Hinweis auf invasives Wachstum.

100.05

:52.5mm

DEE

10.0mm

M OFHL

20 00Cm

0

R

L

2

De

16. 18cm

H

34.5.

Köperlicher Untersuchungsbefund

Der schriftlich vorliegende körperliche Status der auswärti- gen Klinik beschrieb einen afebrilen Patienten in reduziertem Allgemein- und leicht adipösem Ernährungszustand (Körper-

Abb. 3 Intraoperativer abdomineller Situs. Uterus ohne Auffälligkei- ten.

größe 140 cm, Körpergewicht 47 kg). Die Herzaktionen waren regelmäßig mit gelegentlichen Extrasystolen bei einem Blut- druck von 120/80 mmHg. Über den Lungen wurde diffuses Giemen und Brummen ohne Spastik oder feuchte Rasselge- räusche auskultiert. Die Leber war 3 QF unter dem Rippenbo- gen derb tastbar. Es bestand ein stark eingeschränktes Hör- vermögen. Weiter wurden bei der körperlichen Untersuchung keine Auffälligkeiten festgestellt. Rektal- und Genitalbefund waren nicht dokumentiert. Blutbild, Elektrolytkonzentratio- nen (Kalium 4,8 mmol/l), Gerinnungs- und Retentionswerte, Serumchemie sowie Blutgase lagen sämtlichem Normbereich.

Bildgebende Diagnostik

Die in einem auswärtigen Krankenhaus durchgeführte bildge- bende Diagnostik umfaßte Sonographie, Kolon-Kontrastein- lauf, intraarterielle DSA und abdominelle Computertomogra- phie. Im Kolon-Kontrasteinlauf fand sich ein starrer, nicht ste- nosierender Aussparungsdefekt des Colon transversum sowie eine große, schollige Verkalkung im rechten Oberbauch. Nach sonographischen Kriterien lag diese Raumforderung zwi- schen rechtem oberen Nierenpol und der Leber, während sie angiographisch (Abb. 1) und computertomographisch (Abb. 2) als gut begrenzter, 9 x 12 cm großer solider, teils zy- stischer Tumor der rechten Nebenniere zur Darstellung kam. Am oberen linken Nierenpol war zusätzlich eine ca. 3 cm gro- ße, glatt begrenzte Herdbildung sichtbar. Hier fehlte ein Kon- trastmittelsaum, auch war keine eindeutige Flüssigkeitsfül- lung nachweisbar. Somit erhärtete sich der Verdacht auf eine Raumforderung im Bereich beider Nebennieren. Die zum Aus- schluß eines Phäochromozytoms bestimmten Katecholamine im 24-h-Sammelurin lagen im unteren Normbereich.

Therapie und Verlauf

Aufgrund der beschriebenen Befunde stellten wir die Diagno- se eines fraglich retroperitoneal metastasierten Kolonkarzi- noms und sahen die Indikation zur erweiterten Hemikolekto- mie und rechtsseitigen Adrenenektomie. Nach Laparotomie fand sich in Transversummitte ein zirkulärer, die Serosa infil- trierender Tumor. Die Palpation der rechten Nebenniere er- gab einen faustgroßen Tumor von derber Konsistenz ohne Fi- xierung der Umgebung. Zudem war im linken Unterbauch ein fester, weißlich-glasiger Tumor ebenfalls von Faustgröße

Abb. 4 Histologische Ausschnittvergrößerung aus dem Nebennie- renrinden-Adenom mit dicht gepackten lipidreichen Zellelementen (HE).
Abb. 5 Brennertumor des Ovars. Kollagene Faserbündel mit spinde- ligen Zellen, zahlreiche, zum Teil verkalkte Hyalinisierungen. Unter- schiedlich große Epithelialzellnester ohne mitotische Aktivität (HE).

tastbar, der überraschenderweise den linken Adnexen eines ansonsten unauffälligen, inneren weiblichen Genitales ent- sprach (Abb. 3).

Abb. 6 Phänotyp des Patienten. Maskuliner Habitus, Kleinwuchs, temporaler Haarausfall, spärliche Sekundärbehaarung.

Die Tumoren im Bereich des Kolons, der rechten Nebenniere und der linken Adnexe wurden exstirpiert und histologisch aufgearbeitet. Dies ergab den Befund eines mäßig differen- zierten Adenokarzinomes des Kolons (Stadium pT3 NO Mx RO GII). Der 8 x9 ×6 cm große Tumor der rechten Nebenniere wurde histopathologisch als typisches, kapselartig begrenztes Nebennierenrinden-Adenom mit lipidreichem Zytoplasma und geringen Kerngrößenschwankungen klassifiziert. Zentral waren narbig-regressive Veränderungen zu verzeichnen (Abb. 4). Der linke Adnextumor imponierte makroskopisch als 8 × 6 × 5 cm großer, weißlich-derber, grobknolliger Tumor mit glatter Oberfläche. Histopathologisch handelte es sich um einen benignen Tumor, bestehend aus faserreichem, multifo- kal verkalktem Stroma und eingestreuten kleinen Zellinseln mit transitionalzellig differenzierten Tumorzellen ohne zyto- logische Atypien oder mitotische Aktivität. Der Befund ent- sprach damit einem benignen Brennertumor des Ovars (Abb. 5).

Postoperativ wurde der Patient zur weiteren Diagnostik und Therapie in unsere endokrinologische Abteilung der Universi- tätsklinik verlegt. Die klinische Untersuchung zeigte bei männlichem Phänotyp (Abb. 6) eine hyperplastische Klitoris von 4 cm Länge mit Hypospadie (Abb. 7). Hoden waren nicht palpabel. Auf Nachfrage gab der Patient an, in den Kinderjah- ren immer der Klassengrößte gewesen zu sein, jedoch habe er frühzeitig aufgehört zu wachsen und sei danach Klassenklein- ster geblieben. Das Sexualleben wurde vom Patienten als nor- mal empfunden.

Die postoperative endokrinologische Diagnostik, nach bereits 14tägiger Substitution mit 150-200 mg Hydrocortison, ergab

Abb. 7 Genitalbefund des Patienten. Klitorishypertrophie und Labienfusion.

NT

Abb. 8 Vereinfachtes Schema der Steroidsynthese in der Neben- niere. Die bei 21-Hydroxylase-Mangel gehemmte Reaktion ist durch gekennzeichnet.

Regulation durch ACTH

Cholesterin

Pregnenolon

Pregnenolon

21-Desoxy- cortisol

17-OH-Progesteron

Androstendion

11-Desoxycortisol

Testosteron

Cortisol

pathologisch erhöhte Werte für 17-OH-Progesteron, 21-Des- oxycortisol und Androstendion. Im Normbereich (für postme- nopausale Frauen) lagen 17-OH-Pregnenolon, Testosteron, Dihydrotestosteron und die Mineralokortikoide. Dagegen la- gen die Gonadotropine (LH, FSH) aufgrund der supprimieren- den Wirkung der adrenalen Androgene im prämenopausalen Normbereich. Dehydroepiandrosteron-Sulfat war erniedrigt (Tab. 1). Die Chromosomenanalyse zeigte einen 46-XX-Ka- ryotyp und sicherte damit die Diagnose eines Pseudoherm- aphroditismus femininus im Rahmen eines unkomplizierten, virilisierenden, kongenitalen adrenogenitalen Syndroms bei 21-Hydroxylasemangel.

Da die Entwicklung eines zumindest passageren Hypokorti- zismus nach Entfernung des rechtsseitigen Nebennierentu- mors nicht auszuschließen war, wurden postoperativ zu- nächst 200 mg Hydrocortison pro Tag infundiert. Nach 4 Ta- gen erfolgte die Umstellung auf 150 mg Hydrocortison oral. Diese Dosis wurde in zweiwöchigen Abständen halbiert, bis eine Erhaltungsdosis von 30 mg/d erreicht war. Obgleich mit der Gefahr einer »Feminisierung« verbunden, entschieden wir

Tab. 1 Postoperative Konstellation der adrenalen Steroide (unter Substitution mit 150 mg/d Hydrocortison). Normwerte für postmeno- pausale Frauen.
SubstanzPatientenwerte Normbereich 14 d postop.
17-OH-Pregnenolon (ng/dl)13830-350
Dehydroepiandrosteron (DHEA) (ng/dl)182200-760
DHEA-Sulfat (ug/dl)46133-400
Progesteron (ng/dl)2020-200
21-Desoxycortisol (ng/dl)18561,2-13
17-OH-Progesteron (ng/dl)319243-220
Androstendion (ng/dl)74575-275
Testosteron (ng/dl)7320-80
Dihydrotestosteron (ng/dl)8,13-23
Östradiol (ng/dl)10,11,0-4,5
18-OH-Corticosteron (ng/dl)2512-55
Aldosteron (ng/dl)2,22-10
Desoxycorticosteron (ng/dl)9,52-15
21-Desoxycortisol i.U. (ng/d)27006,8-22,8
17-OH-Progesteron i.U. (ug/d)15,40,4-1,28
FSH (U/I)4,1> 25
LH (U/I)2,714-60

uns aufgrund der Gefahr einer NNR-Insuffizienz für eine Dau- ersubstitution. Der Patient wurde auf die Notwendigkeit der Dosisanpassung in Streßsituationen und bei Infekten hinge- wiesen, und ein Notfallausweis wurde ausgestellt. Mit Rück- sicht auf Alter und Familiensituation des Patienten wurde auf eine detaillierte Aufklärung über Befund und Krankheitsbild verzichtet.

Zur Erhaltung des männlichen Phänotyps, aber auch hinsicht- lich der unter Kortisonsubstitution zu erwartenden Änderun- gen des Knochenstoffwechsels war geplant, den Patienten langfristig mit Testosteron zu behandeln. Dies insbesondere, als unter Hydrocortison von einer Normalisierung der Andro- genproduktion auszugehen war. Der Patient starb jedoch 6 Monate später an den Folgen des Kolonkarzinoms.

Diskussion

Das kongenitale adrenogenitale Syndrom (AGS) auf dem Bo- den eines 21-Hydroxylasemangels ist mit einer homozygoten Prävalenz von ca. 1:12 000 einer der häufigsten erblichen Stoffwechseldefekte. Die Heterozygotenhäufigkeit liegt in Deutschland bei rund 1:55 (3, 7). Generell ist das AGS durch einen Enzym- und Synthesedefekt im Bereich der Nebennie- renrinde charakterisiert. Aufgrund der vermehrten Stimulati- on der hypophysären ACTH-Produktion kommt es zu einer konsekutiven Steigerung der adrenalen Steroidsynthese, wo- bei die im Überschuß produzierten Vorstufen in 21-Hydro- xylase-unabhängige Androgene umgewandelt werden (Abb. 8). In rund zwei Dritteln der Fälle ist die Aldoste-

ronsynthese ebenfalls betroffen, woraus ein lebensbedrohli- ches Salzverlustsyndrom resultieren kann. Die Genetik des adrenogenitalen Syndroms ist ausführlich erforscht (10). Die 21-Hydroxylase wird durch das CYP21-Gen auf dem kurzen Arm des Chromosom 6 kodiert, wobei die schweren klini- schen Formen in der Regel durch Gendeletion verursacht sind (1, 4, 6).

Im weiteren Verlauf entwickelt sich in vielen Fällen eine be- nigne adrenale Neoplasie, deren genauer Entstehungsmecha- nismus allerdings nicht bekannt ist. Als mitverursachend gilt der Einfluß des erhöhten ACTH. McKenna et al. (8) fanden zu- dem Hinweise für einen weiteren, durch Dexamethason hemmbaren Regelmechanismus zur Androgensynthese, der eine Rolle in der Pathogenese der benignen Neoplasien spielen könnte. Insbesondere bleibt zu klären, warum adrenale Tumo- ren bei AGS auch unter Therapie in der Regel nicht verhindert werden können. Untersuchungen zeigten, daß 45% der hetero- zygoten und über 80% der homozygoten Merkmalsträger im Laufe ihres Lebens, auch unter adäquater Therapie, derartige Tumoren entwickeln. Maligne Transformationen wurden da- gegen nur in Einzelfällen beschrieben (5).

Der vorliegende Fall eines fast 70 Jahre lang unerkannten fe- mininen Pseudohermaphroditismus bei kongenitalem AGS stellt eine außerordentliche Seltenheit dar. Neben histori- schen Berichten sind bisher lediglich zwei Fälle von Ravichan- dran (9) im internationalen Schrifttum dokumentiert. Hierbei handelte es sich um die Kasuistik zweier verheirateter Patien- ten, bei denen in der 6. Lebensdekade im i.v .- Pyelogramm zu- fälligerweise Nebennierentumoren aufgefallen waren. Die an- schließende Hormon- und Gendiagnostik erbrachte auch hier den Nachweis eines femininen Pseudohermaphroditismus bei kongenitalem adrenogenitalem Syndrom. Bei einem Patien- ten wurde der Tumor entfernt, die histologische Aufarbeitung erbrachte ein benignes Nebennierenrinden-Adenom. Im an- deren Fall wurde auf Wunsch des Patienten und in Anbetracht der malignitätsunverdächtigen Befunde auf invasives Vorge- hen verzichtet.

Im von uns geschilderten Fall wurde die Indikation zur Resek- tion aufgrund des Verdachts auf Nebennierenfiliae des Ko- lonkarzinoms gestellt. Da erst intraoperativ Hinweise auf ein AGS erkannt wurden, liegen keine Daten zur präoperativen hormonellen Aktivität des Nebennierentumors vor. Ange- sichts der kompletten Virilisierung ist jedoch von einer prä- therapeutischen Testosteronkonzentration im männlichen Bereich auszugehen.

Fazit

Die vorliegende Kasuistik unterstreicht zum einen die beni- gne Natur der Nebennierentumoren bei adrenogenitalem Syndrom. Auch bei langjährigem Bestehen ist hier mit einer malignen Entartung nicht zu rechnen, so daß eine Operati- onsindikation zurückhaltend gestellt werden sollte (2, 5). Der Fall zeigt darüber hinaus eindrücklich, daß bei Nachweis grö- ßerer, insbesondere beidseitiger Nebennierentumoren vor ei- ner operativen Intervention ein AGS von einem erfahrenen Endokrinologen ausgeschlossen werden sollte. Da die Diagno- se trotz eindeutiger körperlicher Zeichen erst intraoperativ gestellt wurde, möchten wir den Stellenwert einer gründli-

chen Anamnese und der Untersuchung, insbesondere der Ge- nitalien, nochmals hervorheben.

Ethisch ist es vertretbar, die mit Zeugungsunfähigkeit verbun- dene Diagnose dem als Mann sozialisierten Patienten nicht aufdrängen zu wollen.

Danksagung: PD Dr. Ursula Kuhnle (v. Haunersches Kinder- spital der LMU München) möchten wir für die intensive Durchsicht der Arbeit und kritische Hinweise danken. Herrn Prof. Dr. N. Böhm (Pathologisches Institut der Universität Frei- burg) danken wir für die Mitbeurteilung der histologischen Präparate.

Literatur

1 Amor, M., K. L. Parker, H. Globerman, M. I. New, P. C. White: Muta- tion in the CYP21B gene causes steroid 21-hydroxylase deficiency. Proc. Nat. Acad. Sci., USA 85 (1988), 1600-1604.

2 Copeland, P. M .: The incidentally discovered adrenal mass. Ann. in- tern. Med. 98 (1983), 940-945.

3 Dörr, H. G .: Adrenogenitales Syndrom; in Allolio/Schulte: Prakti- sche Endokrinologie, Urban & Schwarzenberg 1996, 247-260.

4 Dsenis, I. G., O. W. Jewgrafow, E. K. Brykowa, T. N. Jubina, W. A. Bacharew, N. D. Fantschenko: Vroshdjennaja disfunkzija kory nad- potschednikow - obnarushenije nowoj mutazii gena 21-gidrook- silasy. Vestri. Akad. med. Nauk 12/94 (1994), 29-33.

5 Jaresch, S., E. Kornely, H .- K. Kley, R. Schlaghecke: Adrenal inciden- taloma and patients with homozygous or heterozygous congenital adrenal hyperplasia. J. clin. Endocrinol. 74 (1992), 685-689.

6 Kohn, M., D. Day, R. Alemdazeh, D. Enerio, S. V. Patel, J. V. Pelczar, P. W. Speiser: Splicing mutation in CYP21 associated with delayed presentation of salt-wasting congenital adrenal hyperplasia. Amer. J. med. Gent. 57 (1995), 450-454.

7 Kuhnle-Krahl, U .: Congenital adrenal hyperplasia due to 21-hydro- xylase deficiency: an update. J. Amer. med. Ass. SEA Vol 12/96 (1996), 6-8.

8 McKenna, T. J., S. K. Cunningham: The pathogenesis of adrenal and extra adrenal hyperandrogenism. J. Steroid. Biochem. molec. Biol. 45 (1993), 117-121.

9 Ravichandran, R., F. Lafferty, M. J. McGinniss, H. C. Taylor: Congeni- tal adrenal hyperplasia presenting as massive incidentalomas in the sixth decade of life: Report of two patients with 21-hydroxyla- se deficiency. J. clin. Endocrinol. 81 (1996), 1776-1779.

10 White, P. C., M. I. New, B. Dupont: Congenital adrenal hyperplasia. New Engl. J. Med. 316 (1987), 1519-1524 und 1580-1586.

Korrespondenz

Privatdozent Dr. med. M. J. Seibel Universitätsklinik Heidelberg Medizinische Klinik I Bergheimer Straße 58 69115 Heidelberg